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Scheitern

Christine, 45 Jahre, Neustadt

Scheitern. Was ist aus ihm geworden? Wen hat er nicht gehabt, dass er hier auf dem Bahnhof mit nur einem Bein langschlappt? Wie war er so als Kind, dass es ihn jetzt so mitnimmt? Wie wurde er gesehen, was war sein Leid, das ihm jetzt aus dem kaputten Leib schreit? Wie es kam, dass er jetzt so ist, ohne sein Bein, allein, kaputt mit Krücken und einem Geruch. Wo war der Bruch, der ihn als Kind schon scheitern ließ? Hat ihn einer geliebt oder hat er nur Schläge gekriegt? Hat er Tennis gespielt oder schon mit zwölf gedealt? Ich geh ihm hinterher und möchte ihn fragen. Aber vielleicht ist das nicht zu ertragen. Vielleicht will er das alles gar nicht erzählen, würde ihn das vielleicht nur quälen. Vielleicht weiß er das alles auch gar nicht mehr. Ist eben schon lange her. Ich sehe ihm nach und wünsche, dass er auch mal gute Zeiten hatte, dass er auch mal im Café saß mit einem Latte. Dass es mal Sonne gab in seinem Leben. Aber vielleicht ist das auch nur mein Heile-Welt-Streben. Vielleicht ging es ihm schon immer so und sein Leben war einfach nur roh. Der Zug fährt ein und ich lass den Mann jetzt einfach mal sein. Das ist die Stadt, das ist das Leben. Scheitern als Chance? Lass mal reden.